Bei der Hallen-DM in Dortmund haben vier Athletinnen und Athleten erstmals einen nationalen Einzeltitel in der Aktivenklasse gewonnen. Jana Becker, Florian Kroll und Julian Holuschek gehören zu den Hoffnungen für die Zukunft, bei Majtie Kolberg war der erste Titelgewinn überfällig. Wir stellen das Quartett vor, heute Mittelstrecklerin Majtie Kolberg (LG Kreis Ahrweiler).
Majtie Kolberg
LG Kreis Ahrweiler
Bestleistungen:
800 Meter: 1:58,52 min (2024); Halle: 2:00,53 (2025)
1.500 Meter: 4:16,37 min (2021); Halle: 4:13,65 min (2025)
Erfolge:
EM-Fünfte 2024 (800 Meter)
Achte Hallen-EM 2023 (800 Meter)
Deutsche Hallenmeisterin 2025 (1.500 Meter)
Siebenmal stand Majtie Kolberg über 800 Meter schon auf dem DM-Podest, viermal als Zweite, dreimal als Dritte. Mit Gold wollte es bisher nicht klappen, obwohl die 25-Jährige mittlerweile als Olympia-Halbfinalistin und EM-Fünfte auch international in der Spitze angekommen ist. Geschafft hat sie das dank behutsamer und kontinuierlicher Trainingsarbeit mit Leo Monz-Dietz, der seine langjährige Trainerkarriere aber im vergangenen Herbst beendete. Die 800-Meter-Spezialistin suchte ein neues Umfeld, das sie in der internationalen Trainingsgruppe des Slowenen Jan Petrac fand. „Ich wollte raus aus meiner Komfortzone, um zu schauen, wie weit es sportlich für mich noch gehen kann.“
Die zurückliegende Hallensaison war eine Bestätigung, dass diese Entscheidung richtig war. In Erfurt (2:00,53 min), Karlsruhe (2:00,84 min) und Liévin (Frankreich; 2:01,34 min) lief die Athletin der LG Kreis Ahrweiler ihre bisher drei schnellsten Rennen unterm Hallendach. Auch bei der Hallen-DM in Dortmund verließ die ausdauerstarke Mittelstrecklerin ihre Komfortzone, ging über 1.500 Meter an den Start und wurde wieder belohnt: Erstmals Gold bei einer nationalen Meisterschaft in der Frauenklasse.
Die starken Zeiten, der erste DM-Titel und die Erkenntnis, dass der Neustart so erfolgreich war, setzten eine Menge Endorphine frei. Im Hinblick auf die Hallen-EM in Apeldoorn vielleicht sogar zu viele. „Der emotionale Tank war schon etwas leer“, erzählt die Deutsche Hallenmeisterin, die als Vorlauf-Vierte (2:03,38 min) das Halbfinale um knapp eine halbe Sekunde verpasste. „Das war ärgerlich. Allerdings ging es schon im vergangenen Jahr mit konstanten Zeiten, PBs bei EM und Olympia nur bergauf. Und im Sport können sich nicht immer alle Träume erfüllen.“ Damit bleiben Ziele und der Ansporn, es noch besser machen zu wollen, zum Beispiel in der anstehenden Sommersaison.
Kontinuierlicher Aufbau vom Triathlon auf die Laufbahn
Die heutige Leistungssportlerin ist in Ringen im Kreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz aufgewachsen. Sport gehörte von Anfang an zu ihrem Leben, schon vor der Grundschule besuchte sie das Triathlon-Training. Ihre Mutter Swantje betrieb diesen Sport selbst und baute die Jugendarbeit als Trainerin beim TuS Ahrweiler mit auf. Tochter Majtie wurde vor allem von Gerd Uhren betreut, der ihr Ausdauertalent insbesondere im Laufen erkannte und förderte. Der Triathlon-Trainer meldete seine Nachwuchsathletin 2012 auch für Leichtathletik-Wettkämpfe auf der Bahn an, und die damals 12-Jährige absolvierte die 800 Meter auf Anhieb in 2:23,58 Minuten und die 2.000 Meter in 6:52,10 Minuten.
Die sportbegeisterte Schülerin trat in den folgenden Jahren in beiden Sportarten an und feierte bis auf nationaler Ebene Erfolge. Der 800-Meter-Sieg (2:12,12 min) bei der U16-DM 2014 zeigte, dass in der Leichtathletik möglicherweise das größere Potential liegt. Als im Anschluss im Triathlon auch noch die Distanzen länger wurden, insbesondere das eher ungeliebte Schwimmen, entschied sich die Nachwuchsathletin komplett für die Laufbahn. „In der Leichtathletik konnte ich in etwa zwei Minuten erfolgreich sein, im Triathlon hat es eine Stunde gedauert.“
Der Gedanke oder der Wunsch, einmal Leistungssportlerin zu werden, spielte damals noch keine Rolle. „Ich habe großen Spaß daran gehabt, mich zu bewegen, und war fasziniert von der Welt des Sport.“ Gemeinsam mit ihrem Bruder Lennert, der bis heute als Sprinter aktiv ist, nahm sie 2016 am Olympischen Jugendlager in Rio de Janeiro (Brasilien) teil und kam mit sportbegeisterten Jugendlichen aus der ganzen Welt zusammen. „Das war eine tolle Erfahrung. Daran gedacht, einmal selbst als Athletin bei Olympischen Spielen zu sein, habe ich damals nicht.“
Aufstieg bis unter die Zwei-Minuten-Grenze
Mit der Leistung ging es Stück für Stück bergauf. In ihrem ersten U18-Jahr belegte Majtie Kolberg Rang vier bei der Jugend-DM (2:12,49 min), im ersten U20-Jahr gab es jeweils mit Silber drinnen (2:09,13 min) und draußen (2:06,54 min) Medaillen auf nationaler Ebene. Im zweiten U20-Jahr klappte es in der Halle (2:09,98 min) und im Freien (2:10,85 min) jeweils mit dem Titel bei der Jugend-DM. Außerdem gelang dank der Bestzeit von 2:05,93 Minuten die Qualifikation für U20-WM in Tampere (Finnland), wo es bis ins Halbfinale ging.
Auch nach dem Schulabschluss blieb der Sport die große Leidenschaft, war aber weiterhin nicht der einzige Mittelpunkt, um den sich alles drehte. Die Abiturientin nahm an der Deutschen Sporthochschule Köln ein Lehramtsstudium in den Fächern Biologie und Sport auf. Sportlich ging die Entwicklung in der U23 weiterhin schrittweise voran. Bei Deutschen Meisterschaften stand die Studentin regelmäßig im Finale und 2020 auch erstmals auf dem Podest, ihre Bestzeit drückte sie bis auf 2:02,77 Minuten.
Ein Rennen im Sommer 2021 brachte dann einen Wendepunkt, der ganz neue Perspektiven eröffnete. Nach dem Titel bei der U23-DM und der Vorlauf-Teilnahme an der U23-EM in Tallinn (Estland) pulverisierte die damals 21-Jährige in Ninove (Belgien) ihre Bestzeit um mehr als drei Sekunden und blieb in 1:59,24 Minuten erstmals unter zwei Minuten und das, während parallel ihre Heimat im Ahrtal gerade von einer Sturzflut überschwemmt worden war. Eine Menge Emotionen liefen mit, der Start stand infrage und dann so eine Top-Zeit.
Internationaler Durchbruch
Der Leistungssprung bewies, dass internationale Topleistungen möglich sind. „Plötzlich konnte ich Profi werden. Das sehe ich bis heute als Privileg.“ Unter anderem gemeinsam mit der langjährigen DLV-Spitzenathletin Christina Hering (LG Stadtwerke München) arbeitete Majtie Kolberg in Höhentrainingslagern an ihrer Form und profitierte von ihrer über Jahre erarbeiteten Basis. „Mein Trainer Leo Monz-Dietz hat mich immer weiter aufgebaut. Als U18- und U20-Athletin habe ich weniger trainiert als andere und hatte wenige Probleme mit Verletzungen. Davon profitiere ich bis heute.“
In den Jahren 2022 und 2023 stabilisierte sich die Mittelstrecklerin knapp über der Zwei-Minuten-Marke, nahm an ihrer ersten EM und gleich zweimal an Weltmeisterschaften teil und stand bei der Hallen-EM 2023 in ihrem ersten internationalen Finale und wurde Achte. Im vergangenen Jahr war ihr Niveau dann sogar noch etwas besser, und pünktlich zu den Saisonhöhepunkten bei der EM in Rom (Italien) als Fünfte und bei den Olympischen Spielen in Paris (Frankreich) als Halbfinalistin blieb die 25-Jährige jeweils zweimal unter der Zwei-Minuten-Grenze. Mit ihrer Bestzeit im Olympia-Halbfinale (1:58,52 min) erfüllte sie zugleich bereits die Norm für die WM in diesem Sommer in Tokio (Japan; 13. bis 21. September).
Angekommen im Leben als Profisportlerin
Nach dieser äußert erfolgreichen Saison erfolgt der Wechsel in die Trainingsgruppe des Slowenen Jan Petrak, zu der auch die Finninnen Eveliina Määttänen und Veera Peräla sowie 400-Meter-Umsteigerin Alica Schmidt (SCC Berlin) zählen. Aufenthalte zu Hause in Dortmund und in gemeinsamen Trainingslagern wechseln sich ab. „Ich bin total glücklich mit meiner Gruppe, auch menschlich passt es total gut.“ Durch die gemeinsamen Einheiten mit Athletinnen auf Augenhöhe ist die Qualität im Training noch einmal etwas höher geworden.
Im Studium fehlt nur noch die Bachelorarbeit zum ersten Abschluss, die Aufnahme in die Sportfördergruppe der Bundeswehr ermöglicht seit 2022 noch mehr Freiheiten fürs Training. „Ich bin total dankbar, dass ich den Sport so leben kann. Das sehe ich als großes Privileg.“ Im Moment läuft schon das erste Vorbereitungs-Trainingslager auf den Sommer in Dullstroom (Südafrika), im Mai folgt ein weiteres in der Höhe in Frankreich. „Die Ausdauer steht im Mittelpunkt, um die Grundlage für die bevorstehende, lange Saison zu haben.“
Die ersten Wettkampf-Termine zum Saisoneinstieg in Zagreb (Kroatien; 22. bis 24. Mai) und beim Goldenen Oval in Dresden (1. Juni) stehen schon fest. Großes Ziel ist dann die WM in Tokio (Japan). „Dort möchte ich in Form und bereit sein. Das Finale wäre das Bestmögliche. Bei den 800 Metern darf man dabei natürlich nicht vergessen, dass auch immer etwas passieren kann, das man selbst nicht beeinflussen kann. Insofern hoffe ich auch auf das nötige Quäntchen Glück zur rechten Zeit." Auch der erste nationale Titel über die 800 Meter bleibt ein Ziel. Wird die achte DM-Medaille über diese Strecke eine goldene?
Video: Majtie Kolberg holt sich auf der "Nebenstrecke" den ersten Titel
Video-Interview: Majtie Kolberg: "Ich wollte mich noch einmal anders fordern"
Das sagt Bundestrainer Werner Klein: |
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Überraschend an dem DM-Titel von Majtie war, dass es ihr erster war. Sie gehört schon lange zur nationalen Spitze, hat sich auch eine hohe Konstanz in ihrer 800-Meter-Leistungsfähigkeit erarbeitet, wurde bei Deutschen Meisterschaften aber mehrmals quasi auf der Ziellinie abgefangen.
Über Jahre konnte Majtie ihr Grundniveau kontinuierlich steigern. Dass sie jetzt auf den 1.500 Metern ihren ersten Titel gewinnen konnte, unterstreicht ihre Fähigkeiten. Dahinter steckt eine jahrelange Entwicklung ohne große Sprünge. Majtie ist eine sehr bodenständige Athletin, die mit dem Wechsel in eine internationale Gruppe den nächsten Schritt getan hat. Das Modell mit Basis in Dortmund und von dort aus mit ihrer starken Frauengruppe durch die Welt zu ziehen, hat ihre Qualität noch einmal gesteigert.
Das erhöht die Chance, auf einen Ausreißer in nochmal stärkere Bereiche. Leider konnte Majtie ihr neues Qualitätsniveau bei der Hallen-EM noch nicht zeigen. Sie wird die richtigen Rückschlüsse daraus ziehen und bei der WM in Tokio besteht die nächste Chance, die Fortschritte auch bei einer internationalen Meisterschaft unter Beweis zu stellen. Vor allem im vergangenen Jahr hat sich Majtie schon erfolgreich in großen Rennen behauptet.