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Sieben Disziplinen sind nicht genug: Lotte Gretzler glänzt im Mehrkampf und Stabhochsprung

© Jan Papenfuß
Lotte Gretzler gehört zu den talentiertesten Nachwuchs-Athletinnen in Deutschland – und das bei Weitem nicht nur in einer Disziplin. Neben dem Mehrkampf ist die 17-Jährige auch im Stabhochsprung erfolgreich und fühlt sich beiden Disziplingruppen verbunden, wenngleich im Training zurzeit der Stabhochsprung ein wenig mehr im Fokus steht.
Svenja Sapper

Es war ein ereignisreicher Februar für Lotte Gretzler (USC Mainz). Am 2. Februar startete der Monat, in dem traditionell mehrere Deutsche Hallenmeisterschaften stattfinden, mit einer neuen Bestmarke. In Karlsruhe überquerte die 17-Jährige bei den Süddeutschen Hallenmeisterschaften 4,11 Meter im Stabhochsprung. Eine Woche später stand dann bei den Deutschen Hallen-Mehrkampfmeisterschaften der Fünfkampf auf dem Programm. Erstmals in der Altersklasse U20.

Dass junge Athletinnen und Athleten neben ihren Spezialdisziplinen auch gelegentlich Mehrkämpfe bestreiten, ist nichts Ungewöhnliches. Dass Mehrkämpfer immer wieder in Einzeldisziplinen testen, ebenso wenig. Dass eine Nachwuchs-Mehrkämpferin jedoch ausgerechnet im Stabhochsprung, einer Disziplin, die nicht zum Siebenkampf oder Hallen-Fünfkampf zählt, so stark ist, kommt jedoch selten vor. Lotte Gretzler ist keine Stabhochspringerin, die auch Mehrkampf macht. Sie versteht sich sowohl als Stabhochspringerin als auch als Mehrkämpferin – und hat auch in beiden Disziplingruppen schon Erfolge gefeiert.

So auch bei der Hallen-Mehrkampf-DM in Frankfurt/Kalbach, wo sie bei ihrem ersten Fünfkampf in der U20 Rang drei belegte. Mit Hallen-Bestleistungen in vier von fünf Einzeldisziplinen und einer Gesamt-Punktzahl von 3.815 Zählern – nicht weit weg von den 3.869 Punkten, die ihr im Vorjahr, noch mit niedrigeren Hürden und der leichteren Kugel, Platz zwei in der U18 beschert hatten. Eine Woche später gewann Lotte Gretzler Stabhochsprung-Silber bei der Jugend-Hallen-DM. In der Dortmunder Helmut-Körnig-Halle meisterte sie 4,00 Meter. Mit derselben Höhe wurde sie eine weitere Woche später bei den Aktiven Vierte.  

Der ganz persönliche Achtkampf

Dabei sah die Mainzerin, die in bislang sechs Wettkämpfen die „magische Marke“ überquert hat, noch jede Menge Verbesserungspotenzial. „Ich bin froh, dass es zu Platz zwei gereicht hat, aber technisch war das überhaupt nicht gut“, zeigte sie sich bei der Jugend-Hallen-DM selbstkritisch. „Ich konnte noch gar nicht so umsetzen, woran wir im Training gearbeitet haben.“ Im Stabhochsprung hat sie mit Herbert Czingon einen der erfahrensten Trainer für diese Disziplin an ihrer Seite, der viele Jahre als Bundestrainer und anschließend als Nationaltrainer in der Schweiz fungierte.

Im Mehrkampf wird die 17-Jährige von Thomas Kohlbacher und Stefanie und Michael Kaul betreut. Die Einheiten teilen sich die jeweiligen Trainerteams auf, wobei mittlerweile deutlich mehr Stabhochsprung-spezifische Einheiten auf dem Trainingsplan stehen als noch vor einigen Jahren. „Meinen ersten Stabhochsprung-Wettkampf habe ich mit 14 bestritten, da aber nur einen in der gesamten Saison“, erinnert sich Lotte Gretzler. „Ein Jahr später waren es schon ein paar mehr, aber auch da habe ich nur einmal alle zwei Wochen Stab trainiert.“

Mittlerweile springt sie im Training zweimal in der Woche mit dem Stab. „Außerdem turne ich mehr, ich mache mehr Krafttraining und weniger Läufe.“ An zwei Tagen in der Woche beginnt die Schule morgens später, dann bestreitet die Nachwuchs-Athletin um 7:30 beziehungsweise 8:30 Uhr schon Trainingseinheiten, einmal Krafttraining bei Herbert Czingon, einmal Hürden und Läufe mit Thomas Kohlbacher. Weitsprung, Hochsprung und Kugelstoßen hat sie im zurückliegenden Winter hingegen kaum trainiert – so sieht sie in diesen Disziplinen für den Sommer aber auch noch reichlich Steigerungspotenzial.

U20-EM-Quali mit dem Stab im Visier

In Richtung Freiluftsaison soll der Fokus aber ohnehin eher auf dem Stabhochsprung liegen. Der Hintergrund: In dieser Disziplin ist der Übergang von der U18 zur U20 nicht mit Umstellungen verbunden. Im Fünf- und Siebenkampf jedoch muss sich Lotte Gretzler an höhere Hürden und eine schwerere Kugel – im Freien dann auch einen schwereren Speer – gewöhnen. So stehen die Chancen auf eine Qualifikation für die U20-EM in Tampere (Finnland; 7. bis 10. August) im Stabhochsprung voraussichtlich besser.

Im vergangenen Jahr wäre beinahe sogar in beiden Disziplinen die Qualifikation eine internationale Meisterschaft gelungen. Nach der U18-EM in Banská Bystrica (Slowakei), wo sie Platz sieben belegte, wurde die Nachwuchs-Athletin bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Koblenz Dritte im Stabhochsprung und verfehlte damit die Qualifikationsplätze für die U20-WM nur knapp. So blieb es bei einem internationalen Start, dem in diesem Sommer der zweite folgen soll.

Acht Disziplinen und nebenher noch Abitur

Bis dahin steht neben dem Training noch eine weitere Herausforderung an: das Abitur am Otto-Schott-Gymnasium Mainz-Gonsenheim. Die Wahl der schriftlichen Abiturfächer (Mathematik, Sport und Französisch) beweist, dass die 17-Jährige nicht nur im Sport, sondern auch in der Schule die Abwechslung mag. Das Gymnasium ist zwar keine Sportschule, aber dennoch wird dort der Sport gefördert. So gelang den Schülerinnen und Schülern im zurückliegenden Jahr beispielsweise die Qualifikation für das Bundesfinale von „Jugend trainiert für Olympia“.

„Wir haben das eher zum Spaß gemacht, dass es für Berlin gereicht hat, war supercool“, sagt Lotte Gretzler. Mit von der Partie war dort auch ihre jüngere Schwester Line, amtierende Deutsche W15-Meisterin im Stabhochsprung – und ebenso wie die große Schwester zurzeit als „Achtkämpferin“ unterwegs. „Sie wird wahrscheinlich eher Stabhochspringerin als Siebenkämpferin, aber wir teilen auch die Leidenschaft für den Mehrkampf.“

Die Liebe zum Sport verbindet die gesamte Familie, die im Urlaub gerne wandern, surfen, Ski fahren oder Tennis spielen geht. Wenngleich die Eltern nicht aus dem Leistungssport kommen, war der Vater früher ein guter Fußballer, die Mutter im Turnen und später ebenfalls in der Leichtathletik aktiv – ebenso wie später Lotte, die mit zwölf Jahren vom Turnen zur Leichtathletik wechselte.

Sportliche Leidenschaft verbindet

Die Möglichkeit, ihre Stabhochsprung-Stärke einmal innerhalb eines Mehrkampfes demonstrieren zu können, reizt die 17-Jährige, gibt es doch einige Meetings, bei denen Zehnkämpfe oder Hallen-Siebenkämpfe für Frauen angeboten werden. „Natürlich fände ich es cool, mal einen Mehrkampf mit Stabhochsprung zu machen. In der Halle würde mir das vermutlich besser liegen, weil da keine 400 und 1.500 Meter gelaufen werden. Für den Zehnkampf müsste ich auch Diskuswurf erst lernen.“

Innerhalb des Mehrkampfes machen Lotte Gretzler vor allem Weitsprung, Kugelstoßen und im Freien auch der Speerwurf Spaß. In den Siebenkampf-Disziplinen möchte sie in diesem Jahr möglichst an ihre Bestmarken aus dem Vorjahr herankommen oder sie sogar übertreffen. Im Stabhochsprung soll die Latte im besten Fall bei 4,25 Metern liegen bleiben. Damit würde sie in die Fußstapfen eines ihrer Vorbilder treten, denn auch die britische Stabhochspringerin Molly Caudery schwang sich bereits als Jugendliche in luftige Höhen deutlich jenseits der vier Meter. Heute ist die 24-Jährige amtierende Hallen-Weltmeisterin.

Neben der Britin bewundert Lotte Gretzler auch Stabhochsprung-Weltrekordler Armand Duplantis (Schweden) und die WM-Zweite im Siebenkampf Anna Hall (USA), die für sie das verkörpert, was sie am Mehrkampf so schätzt: „Sie strahlt so viel Freude aus. Es macht unglaublich viel Spaß, bei einem Siebenkampf zwei Tage mit den anderen Athletinnen zu verbringen und alle kennenzulernen. Es ist einzigartig, dass man über den Sport so zusammenwachsen kann und dass die Leidenschaft so verbindet.“

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